„Ich glaub, mich knutscht ein Elch“. Das war so ein typischer cooler Spruch aus den 1970er Jahren. Und auf einem der wenigen Radiosender, die man anno dazumal über Antenne „reinbrachte“, lief immer eine „Hitparade“ oder es wurden Schlager und „Klassisches“ in den Äther geschickt.

Viel seltener hörte man Rock. Weshalb man sich als Jugendlicher ganz aufmerksam vor allem einem Hobby widmete: Cassetten aufnehmen! Leichte Tobsuchtsanfälle, wenn der Depp von einem Moderator mal wieder mitten in den Titel gequatscht hatte, waren keine Seltenheit.

Mix-Tapes für Mädels

Umso mehr Freude herrschte vor, wenn man sich von guten Freunden die eine oder andere Langspielplatte ausleihen durfte, die man dann wie seinen Augapfel hütete und sorgfältig überspielte. Ein Geheimtipp, um Mädels zu beeindrucken, waren die „Mix-Tapes“, die man der Auserwählten sozusagen widmete und die man nur mit ausgewählten Songs garnierte, von denen man wusste, dass sie „Ihr“ gefallen.

Einfach einen Knopf drücken und Musik in hervorragender Qualität speichern? Ohne 45-Minuten-Limit pro Cassettenseite? Unter grobem Verzicht auf vorherige, präzise Aussteuerung und sorgfältige Auswahl der Rausch-Unterdrücker Dolby B oder Dolby C? Höchstens auf dem Raumschiff Enterprise konnte man sich solche Utopien vorstellen. Selbst der Lesch hätte nicht gewusst, wovon Merkwürden hier gerade faselt.

Der Sprung ins Paradies

Fachzeitschriften wie stereoplay oder Audio nahmen regelmäßig Tonband-Cassetten unter die Lupe. Es ging nicht nur um Bandmaterial wie Chrom oder Eisen, sondern vor allem um solide Mechanik. Je robuster, desto weniger Gefahr von Bandsalat. TDK und Maxell lieferten Testsieger „am laufenden Band“.

Heute leben wir – audiophil gesehen – in paradiesischen Zuständen. Spotify, Tidal, Deezer. Netzwerkstreamer, Multiroom-Technik: Musik ist zum Mitnahme-Artikel geworden und jederzeit und überall in bester Qualität empfang- oder abrufbar.

…und der Schritt zurück

Wie, zum Teufel, kommt es, dass junge Leute, die sozusagen im Garten Eden der Unterhaltungs-Elektronik lustwandeln dürfen, von einem dermaßenen Hirngespinst geplagt werden? Ich schreibe vom „Comeback der Musik-Kassette“.

Top-aktuelle Stars veröffentlichen gerne wieder auf Tape.

Und erlaube mir, Jasper Ruppert von BR.de Kultur zu zitieren: „Vom Schrotthaufen der Technik-Geschichte gibt es nur selten einen Weg zurück. Das zeigen die Schicksale von Walkie-Talkie, Diskette oder Mini-Disc (…) Manche Erfindungen aber finden ihren Weg zurück in die Hände der Menschen. Die Schallplatte hat es geschafft – und die Kassette macht sich nun auch daran“.

Das Tape ist wieder in

Die Frage stehe im Raum: Entdeckt die moderne Musikwelt die Kassette neu? Immer mehr kleine Labels spezialisieren sich auf Kassetten. Es gibt Bands, die ihre Releases nicht nur digital, sondern auch auf Tape rausbringen. Und DJs, die es sich zum Markenzeichen gemacht haben, ausschließlich mit Tapes aufzulegen.

Musikhören, meint Jasper Ruppert, wird mit Kassette wieder zu einem bewussten Vorgang. Es brauche „mehr als nur einen Klick“, um den Lieblingssong zu hören. Wie die Schallplatte sei das Tape ein Statement gegen die digitale Beliebigkeit von Spotify, Youtube und Co.

Nachfrage steigt

In den USA gingen 2016 129.000 Tapes über die Ladentheke – 74 Prozent mehr als im Vorjahr. In Deutschland stieg die Zahl der verkauften Musikkassetten im selben Zeitraum nur leicht auf 100.000. Zum Vergleich: Bei Schallplatten waren es drei Millionen – und bei CDs immer noch erstaunliche 74 Millionen. Kontrast: im Rekordjahr 1991 wurden 78 Millionen Kassetten verkauft.

Auch im „Zündfunk“ auf Bayern 2 war zu hören, dass sich die Verkäufe von Musikkassetten in diesem Jahr verdoppelt haben. Lange sei die CompactCassette (CC) missachtet worden, jetzt stünden von Jay-Z bis zu Lana Del Rey wieder echte Stars hinter dem Format.

Längst brandneues Material

Handelt es sich um ein Popkultur-Phänomen? Leute, die noch Kassettendecks besitzen, können längst brandneues Material hören – Eminem ist nur einer von vielen Acts, die ihre Alben als Reissue auf Kassette herausgebracht haben.

Nach Meinung der B.Z. Berlin spulen Musikfans die Zeit zurück. 54 Jahre nachdem der holländische Elektronikkonzern Philips die „Compact Cassette“ erfunden habe, spüle die Retrowelle dieses Format wieder nach oben. Nach dem Vinyl-Boom sei die Rückkehr der guten alten Kassetten, die gerne mal zum Bandsalat neigten, die logische Konsequenz.

Wider die Flatrate

Beides stelle eine Gegenbewegung zum Flatrate-Hören à la Spotify dar, das Musik zum bloßen Hintergrundgeräusch degradiert habe. „Ein Mixtape für die Liebste oder den Liebsten ist viel persönlicher und romantischer als eine Spotify-Playlist“, konstatiert die B.Z. Kassetten und Kassettenrekorder fänden sich auch heute noch problemlos.

Links unten der Tascam-„Zwitter“, rechts der Henkelmann von Sony. Beide können mit der CompactCassette viel anfangen.

Ein 5er-Pack 90-Minuten-Kassetten von Maxell koste bei Amazon um die acht Euro. Billig-Rekorder aus China gebe es schon ab etwa 15 Euro. Und ein solides Gerät wie der Sony CFD-S70 sei für 80 Euro im Handel.

Der Dragon auf dem Thron

Kein Vergleich zu den „Hochzeiten“ der Cassette. Da blätterte man für ein halbwegs vernünftiges Deck umgerechnet locker 200 bis 300 Euro hin. Im Olymp thronte der Nakamichi Dragon für 2000 Euro und wer ein „echter Profi“ war, der verpönt bis heute die unseligen Doppel-Decks mit Auto-Reverse und High-Speed Dubbing, die Mitte der 1980er Jahre „angesagt“ waren.

Denn Cassetten bespielen war richtige Arbeit. Erst einmal das optimale Bandmaterial suchen und auswählen. Vor dem Druck auf den „Record“-Knopf die adäquate Bandsorte (Normal, Chrom, Eisen) festlegen – dann die Vormagnetisierung starten (die nur „vernünftige“ Recorder an Bord hatten).

Tinkturen für den Tonkopf

Anerkennendes Lob, wenn der Hersteller des CD-Players eine „Peak-Funktion“ nicht vergessen hatte: dann durchsuchte das Gerät nämlich vollautomatisch den eingelegten Silberling und „merkte“ sich die lauteste Stelle, auf die man die VU-Meter, elektronischen oder optischen Anzeigen „eichte“, um Verzerrungen durch Übersteuern bzw. Rauschen bei zu geringem Pegel zu vermeiden.

Seine Majestät, der Nakamichi Dragon.

Regelmäßig wurden Tonköpfe, Löschkopf und Bandandruck-Rollen mit von Fachleuten empfohlenen, selten billigen Tinkturen gereinigt. Wer etwas auf sich hielt, besaß eine Entmagnetisierungs-Drossel oder die praktische batteriebetriebene Entmagnetisierungs-Cassette von TDK.

Der remanente Magnetismus als Feind

Wozu? „Zur Erzielung unverzerrter, nicht rauschender Tonband- und Cassettenaufnahmen ist es unerlässlich, dass alle Tonköpfe, Tonwellen und Bandführungselemente frei von remanentem Magnetismus sind. Es genügt nämlich bereits ein schwaches Magnetfeld, um unwiederholbare Aufnahmen oder gar teure Messbänder auf Dauer durch Anlöschung zu beschädigen.

Die Folgen: Dumpfer Klang durch weggelöschte Höhen, deutliches Rauschen, bei Neuaufnahmen treten Verzerrungen auf“. Ach ja! Trotz oder gerade wegen all dieses Aufwandes waren es gute Zeiten. Wie hieß das Ding gleich noch? Sony CFD-S70? Ich hab „gegoogelt“ und muss kritisch anmerken, dass es sich bei diesem „Henkelmann“ nicht um ein reinrassiges Cassetten-Deck handelt.

Neuer Zwitter oder alter Haudegen?

Da ist man mit so einem „Zwitter“ von TEAC oder Tascam (die baugleich sein dürften) besser beraten. Die kosten zwar so um die 400 Euro, haben dafür aber einen CD-Player zum Überspielen auf Band gleich mit eingebaut! Viele weitere unschlagbare Angebote und Schnäppchen findet man bei den „üblichen Verdächtigen“ von ebay und Co. Eventuell sogar einen Nakamichi Dragon? Ich muss mal schnell schauen…