Es mag dem derzeit im Endstadium tobenden Fasching geschuldet sein, dass meine Gedanken durch und durch von Jux und Dollerei durchseucht sind. In meinem Privat-Hirn verkuppeln sich unterschiedlichste Synapsen, fangen an zu schunkeln und liefern Narreteien am laufenden Band.

Obskure Gedankenkonstrukte verunsichern mich, streng genommen kapiere ich die Welt nicht mehr. Da stehen wir armen Audiophilen mit einem Bein fest auf  Streaming-Neuland und humpeln mit dem anderen in graue Vorzeiten der HiFi-Geschichte zurück, was nicht gesund sein kann, da es schon krank klingt.

Alles für den Ohrenschmaus

Im 21. Jahrhundert ist Hi-Res Audio meines Erachtens zurecht voll angesagt. Beim Streamen legt der audiophile Gourmet größten Wert auf Dienste wie Tidal oder Qobuz, welche ihm erlesene Musik-Dateien nicht ausschließlich komprimiert und in MP3 geschnürt, sondern auch verlustfrei liefern.

Feinstes, hochmodernes Equipment wartet darauf, hochauflösend zu Werke zu gehen und aus den Konserven ein Festmahl für die Ohren – einen Ohrenschmaus – zu bereiten. Netzwerkplayer, Receiver, Vor- und Endstufen allererster Güte leiten optimal aufbereitete Signale weiter an Lautsprecher, für die diese Bezeichnung viel zu profan ist. „Instrumente“ wäre besser.

Der gepamperte Konsument

Der aufwändig „gepamperte“ Konsument reagiert angenehm amüsiert, von Fall zu Fall kommt ihm gar ein Schmunzeln aus, obwohl er sich streng an seine selbst auferlegte Verpflichtung als kritischer Zuhörer hält, der immer versucht ist, doch noch Schwachstellen im „System“ aufzudecken und anzuprangern.

Wie, um Himmels willen, konnte es ausgerechnet ihm passieren, seiner vorzüglichen Anlage einen derben Plattenspieler einzuverleiben, der – wie wir alle wissen – noch aus der „Steinzeit“ der High Fidelity stammt? Freilich nicht irgend einen Scheibendreher, sondern ein zentnerschweres, auf Hochglanz poliertes Produkt aus Alu und Edelstahl, das die hohe Kunst der Feinmechanik mit der bestmöglichen Form der Abtastung von in Vinyl gekerbten Rillen kombiniert und deswegen über mindestens zwei Tonarme mit unterschiedlichen Tonabnehmern verfügt.

Rustikales Knistern, Rauschen und Rumpeln

In einem Moment voller Euphorie entlocken wir dem Patienten, dass es eben just dieses gewisse rustikale Knistern und Rumpeln ist, welches ihn, der sonst nur Wasser und Hi-Res an seine Ohren lässt, arg fasziniert. Das ihn an primitive frühere Zeiten erinnert, in denen ein Plattenspieler nicht selten eine primitive Kiste war, deren Abdeckung einen Lautsprecher in sich barg – und damit basta!

Seltsamerweise finden sogar viele Kids, die mit Smartphones verwachsen und serienmäßig mit Kopfhörern unterschiedlichster Provenienz ausgestattet sind, schwarze Scheiben wieder cool und brabbeln ihren musikalischen Vorbildern brav nach, dass Vinyl einfach besser klingt.

Umdrehen statt skippen

Wärmer, dynamischer, räumlicher angeblich. In Zeiten, in denen man nach Lust und Laune per Knopfdruck in gigantischen Musik-Archiven stöbern kann, werden Händlern Platten aus den Händen gerissen, die über eine auf zwei Seiten verteilte Gesamtspielzeit von einer Stunde (!) verfügen.

„Skippen“ kann man vergessen. Will man einen bestimmten Titel hören, begibt man sich physisch zum antiken Gerät, betätigt den Tonarmlift und positioniert die Nadel des Tonabnehmers über jener Leer-Rille, hinter welcher der Titel der Wahl lauert.

Ein Abstecher ins Paradies

Ein umständliches Prozedere, über das sich betagtere Musikliebhaber in früheren Zeiten regelmäßig ärgerten und ihre akustischen Kostbarkeiten aus diesem Grund auf Tonband oder Compact-Cassette überspielten. Zwar konnte man dann eine ganze LP „am Stück“ anhören oder Mixed-Tapes (Playlisten) erstellen, doch die Suche nach den Lieblingssongs wurde durch ewiges Vor- und Zurückspulen stark erschwert.

Die Einführung der CD läutete paradiesische Zeiten ein. Kein Knistern, kein Knacksen, keine Kratzer und frei wählbare Titel – normalerweise gewöhnt sich der Homo sapiens schnell an Bequemlichkeit und neigt zum Motzen, wenn plötzlich nicht mehr funktioniert, was vorher tadellos möglich war.

Die „Oldtimer“ im Rampenlicht

Nicht so im HiFi- und High-End-Sektor! Denn ausgerechnet dieser Tage, wo alles gebeamt, gestreamt und gespeichert werden kann, wächst die Sehnsucht nach „Oldtimern“ wie Cassettendecks und – obacht: Tonbandmaschinen! Dass die antiquierten Gerätschaften klanglich und was den Bedienkomfort angeht nicht mithalten können, ist sonnenklar.

Konfus hören sich Begründungen der kontinuierlich wachsenden Fangemeinde an, die ausgerechnet die leichten Schwächen und Komplikationen der Geräte als Kaufanreiz nennt. Immer öfter ersetzt die gute alte Cassette den USB-Stick.

Comeback des Grammophons?

Kräftiges Bandrauschen zaubert ein Lächeln in die Gesichter von „Old School-Fans“. Große, sich langsam drehende Spulen auf riesigen Tonbandmaschinen erzeugen eine seltsame Magie und lassen den dezenten, multifunktionalen Netzwerkplayer alt aussehen. Wie soll das weiter gehen? In Albträumen erscheinen mir endlose Gänge in Media-Märkten, deren Regale mit Grammophonen vollgestopft sind.

Überdimensionierte Schalltrichter tröten knarzenden Schellack-Sound in die Umwelt. Wer sich eine Extrawurst gönnen will, findet in der Abteilung für Phonografen eine große Anzahl von Apparaten mit Walzen. Überall hängen Poster von Emil Berliner, der anno 1887 den Urvater aller Plattenspieler erfand. Bill Gates und Steve Jobs gelten als C-Promis aus einer Ära, in der die Mehrheit der Menschheit einfach pure Musik hören wollte und auf den großen Spaß von Komplikationen und Klangbeeinträchtiungen verzichtete. Es gruselt mich ganz fürchterlich…